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WohnBAUMprogramm Reklewskigasse

2023

1023 Wien, A

Siegerprojekt zweistufiger Bauträgerwettbewerb - verschränktes Verfahren

Bauherr HeimBau / Freiraumplanung Lindle&Bukor / Soziologie RealityLab / Bauphysik Spektrum / Haustechnik Kainer

      • Lücken im Gefüge der Stadt
        Zur Organisation der Menschen in einer Stadtgesellschaft bedarf es der Aufteilung der Arbeit und der Zuständigkeiten sowie der zweckmäßigen Ordnung des Raums. Ist der Raum verteilt - die Ordnung konzipiert - werden die Lücken zu den Playern im Gefüge. Inhalte, mögliche urbane Interaktionen und Raumaneignungen als auch die Texturen des Raumes werden zur prägenden Ganzheit.


        Deduktive Annäherung
        Die fraktale Struktur dieser Lücken scheint eine anthropologische Konstante. Viele Menschen suchen die Nähe zur offenen Landschaft - brauchen aber gleichzeitig die Versorgungssicherheit der Stadt sowie die Erreichbarkeit der Arbeitsplätze. Als Folge dieser Maximierung der Berührungsline zwischen Freiraum und Siedlungsraum entstehen innere Ränder. Diese erscheinen ebenso ein fester Wert in den Prinzipen des Stadtwachstums zu sein. Das Verständnis und das Bild dieser feingliedrigen Durchdringung von Freiraum und Siedlungsraum wird noch immer von
        einer tradierten, historischen Entwicklung von Stadtentwicklung geprägt. Eigentum und Durchlässigkeit bleiben Antagonisten. Auch die Betrachtung der baulichen Bezugssysteme sucht ihren Halt vermeintlich oft in der Vergangenheit. Unabhängig dieser etablierten Parameter bilden sozialhistorische Ankerorte dennoch wesentliche
        Referenzpunkte für die Identität.
        Der Friedhof Atzgersdorf - aufgespannt zwischen Reklewskigasse und Carlberggasse - bildet nicht nur ein mentales und vielleicht auch spirituelles Rückgrat für dieses Stadtteil in Liesing, er wird auch als unverbaubarer Rand zu einer verbindenden Naht in dieser urbanen Landschaft. Die konzeptionelle Vorgabe des städtebaulichen Rahmenplans
        erkundet ihre Ordnung in einer rhythmisierten Abfolge von differenzierten Außenräumen und kompakten, gestaffelten Gebäuden und verschließt sich wohlwollend nicht den umgebenden Strukturen. Die demokratisch organisierte
        Durchlässigkeit der dichten Innenstädte mit ihren öffentlichen Durchwegungen wird hier in Form von abgestuften Übergängen und der wesentlichen Einbindung des bestehenden fußläufigen Netzes bewusst übernommen und in das neue Quartier eingebunden.
        Während das städtebauliche Manuskript im südlichen Bauteil qualitätvoll übernommen wird, wird im nördlichen Bereich die vorgeschlagene Konzeption zu Gunsten raumbildender Freiräume, übergreifender Anbindungen und eines
        maßvolleren Fußabdrucks bedachtsam adaptiert. Sowohl am Vorplatz des Friedhofs an der Reklewskigasse als auch der Carlbergergasse wird die Öffentlichkeit nuanciert ins Quartier gezogen. Im Süden sind es ein Fahrradcafé und die Aufenthaltsräume der betreuten Garconnierenwohnungen, im Norden ein Blumencafé und Räume fürs Arbeiten und
        Wohnen. Analog dieser Auftaktsequenzen entsteht durch das weiterentwickelte städtebauliche Arrangement der Baukörper eine Sequenz unterschiedlichst gestalteter Mikroplätze von hoher Identifikation und naturnaher Atmosphäre.
        An den Schnitt- und Engstellen, den Übergängen dieser unterschiedlichen Außenräume rückt auch die altruistische Dichte zusammen. Hier sind bewusst jene kommunikativen Zonen wie die Eingänge in die Gebäude, die Gemeinschafts- und Fahrradräume positioniert, um sowohl den Aufforderungscharakter zur Nutzung als auch die
        soziale Kontrolle zu unterstützen. Diese Wegeporosität im Inneren des neuen Quartiers knüpft unmittelbar an die Schnittstellen der Nachbarschaftsräume an, versucht diese zu integrieren und als Teil des übergeordneten Stadtraums zu begreifen. Auch hier spielt der Friedhof Atzgersdorf als auch das Übergreifen auf das Wegenetz um den angrenzenden Kindergarten sowie die gestaffelten Übergänge an die Verkehrsbänder eine wesentliche Rolle in der
        fußläufigen Durchwegung und bildet letztlich einen Hort der sozialhistorischen Identifikation.


        Das induktive Verständnis
        In einer pluralistischen Gesellschaft weiß nicht jeder, was der Andere will. In diesem Sinne bedeutet Stadtmensch sein, Mitglied einer Siedlungsgemeinschaft zu sein schlicht das tägliche Ausverhandeln des Habitus. Das Zusammenleben stellt somit auch eine Form der Reziprozität dar, die sich erst über einen längeren Zeitraum wirkmächtig zeigt. Architektur entsteht durch Raum - Raum entsteht durch Interaktion - Interaktion entsteht durch Kommunikation - Kommunikation entsteht durch räumliche und soziale Porosität. Die Durchlässigkeit dieses Differenzpotentials - die
        Diversität - entsteht aber erst durch eine innere Varianz der Entfaltungsmöglichkeiten und nicht durch formale Vielfalt. Für dieses Bestreben der Bewohner ihre eigene Spurlosigkeit in der Stadt in den eigenen Wänden zu entdecken zu
        können, hilft die ökonomische und ökologische Systematik des Holzbaus. Es ist nahezu ein metabolistischer Ansatz, der hier die Semantik des Wohnens mit der der variablen Syntax verknüpft. Der Varianz der Bedürfnisse am Vermögen, am Können steht die strukturelle Addition in ihrer Abwechslung gegenüber. Flexibilität, Anpassungsfähigkeit Ökologie und Ökonomie bis zur Resilienz des Systems Wohnen sind zentrale, gliedernde Elemente. In einem Raster des Vielfachen von 280 cm und einem durchdachten Fertigungsgrad wird eine Kombinatorik eröffnet, die der erkennbaren gesellschaftlichen Entwicklung im Zusammenleben gerecht wird.
        Drei unterschiedliche Trakttiefen innerhalb der rhythmisierten Tragstruktur der einzelnen Gebäude ermöglichen es zusätzlich binnen einer Wohnungstypologie mehrere Größenvarianten anzubieten. Konstruktiven Halt bilden hier die
        völlig Zusatz- und Chemiefreien projektierten Holzdübelwände und Holzdübeldecken - Fichte pur.
        Zwei zueinander versetzte, in sich thermisch homogene Trakte umschließen in den beiden ersten Geschossen jedes Gebäudes eine zentrale aufgeweitete Mitte, die dem Duktus der Zugänglichkeit der Außenräume folgen. Diese Mitte
        ist Teil einer abgestuften Öffentlichkeit, ein kommunikativer Zwischenraum, bevor die Privatheit der Wohnung erreicht wird. Dem Herzen des Gebäudes sind daher halboffene, zum Teil zweigeschossigen Austausch-Räume zugeordnet,
        die unterschiedlichste Licht- und Blickbeziehungen innerhalb der beiden Geschosse generieren. Im unmittelbaren Eingangsbereich befinden sich – wie zuvor erwähnt - an den Schnittstellen der Mikroplätze die Fahrradräume und die
        Gemeinschaftsräume mit Wasch- und anderen Küchen. Den Check Points zum Austausch im EG stehen an den Stirnseiten der Gebäude im ersten Obergeschoss Break-Out-Rooms entgegen. Es ist ein Angebot für jene, die sich kontemplativ außerhalb der Wohnung beschäftigen möchten, ebenso wie für einen aktiven Nachbaraustausch. Die Pawlatsche wird hier trefflich zur Gasse.

      • Ab dem zweiten Obergeschoss wird je nach typologischer Ausformulierung eine der beiden Gebäudehüften zu einer ”Reihenhaussequenz“ oder zu einem übereinanderliegenden Bassenapfad. Diesem Trakt vorgelagert befindet sich ein
        artifizieller Gemeinschaftsgarten, der als komplementärer ruraler Gegenentwurf zu den halböffentlichen naturbelassenen Mikroplätzen im Rahmen der städtebaulichen Disposition verstanden wird. Hier werden die Generosität der Gründerzeitwohnungen in die Natur verlagert und zusätzliche Möglichkeitsräume geschaffen. Ein nicht vorgegebenes, aber begleitetes Entwicklungspotential soll hier gehoben werden. Während die Sprießlinge entlang des Privaten an den Rändern der Stadt noch in Konkurrenz stehen, soll hier Gemeinsames geerntet werden.
        Diesen den Hausgemeinschaften zugeordneten, halböffentlichen und durchgrünten Freibereichen in erhabener Höhe stehen die privaten Terrassen und Balkone gegenüber, die integrativer Teil der östlichen und westlichen Pergolen der
        Gebäude sind. Der Logik des Holzbaus folgend werden hier entsprechend dem Bedarf der dahinterliegenden Wohnungen Loggien oder Balkone in eine tiefe thermisch entkoppelte Konstruktion eingefügt, ohne die strukturelle
        Gesamtheit des Erscheinungsbildes zu verlassen. Im Erdgeschoss werden die leicht erhabenen Pergolen zu den halböffentlichen Mikroplätzen ähnlich dem ”Schopf” durch hölzerne Brüstungen abgegrenzt. Zu den nicht öffentlichen Bereichen hin werden anstelle von Gärten größere Terrassen angeboten. Unablässig dieser der Wohnung zugedachten Vertrautheit bieten die Pergolen neben dem Witterungsschutz für die Fassade eine weitere wesentliche Maßnahme zur Vorbeugung der sommerlichen Überhitzung und bieten die
        Möglichkeit einer unabhängigen bodengebundenen Begrünung. Die Bäume der vorgelagerten Freiräume ergänzen wohltuend das Mirkoklima, lassen die flache Sonneneinstrahlung des Winters nahekommen und schützen vor der Zenitsonne des Sommers.

        aus dem Jurybericht

        Architektur

        Im südlichen Teil des Projektgebietes wird das städtebauliche Leitbild weitgehend übernommen, im nördlichen Teil wird der Bebauungsplan behutsam adaptiert. Sowohl im Bereich des Vorplatzes des Friedhofs an der Reklewskigasse als auch der Carlbergergasse werden Bezugspunkte für die Nachbarschaft angeboten. Im Süden sind dies ein Fahrradcafé und die Aufenthaltsräume der betreuten Garconnierenwohnungen, im Norden ein Blumencafé und Räume fürs Arbeiten und Wohnen. Das Konzept dieser Platzsequenzen als Kristallisationspunkte wird ins Quartiersinnere weitergeführt und durch die Nutzungsüberlagerung von Zugängen und Gemeinschafts- und Fahrradräumen gestärkt. Die Gebäudestruktur ist trotz der typologischen Vielfalt an Wohnungen sehr einfach gehalten. Zwei zueinander versetzte Trakte mit unterschiedlicher Trakttiefe umschließen in den beiden ersten Geschoßen jedes Gebäudes eine zentrale aufgeweitete Mitte, die als kommunikativer Zwischenraum ausformuliert wird. Ab dem zweiten Obergeschoß wird je nach typologischer Ausformulierung eine der beiden Gebäudehüften zu einer Reihenhausbebauung oder zu einem übereinanderliegenden Laubengang (Bassenapfad). Auf den Flachdächern der niedrigen Gebäudeteile befinden sich Gemeinschaftsgärten, die ein sinnvolles Komplementärangebot zum naturbelassenen Garten auf ebener Erde bieten.
        Das Projekt besticht durch seine gestalterische Einfachheit, die dennoch sowohl durch nachvollziehbare städtebauliche Zonierung wie durch architektonische Detaillierung Räume unterschiedlicher Atmosphären und Wohnungen verschiedenster Typologien generiert, was von Seiten der Jury sehr gewürdigt wird.

        Ökologie

        Das Projekt besticht durch eine einfache, durchgängige Holzbaulösung in einem modularen Rastersystem von 2,8 m mit einem hohen Vorfertigungsgrad. Das modulare System ermöglicht eine größtmögliche Flexibilität der Anpassung an möglichen neuen Bedürfnissen und damit eine hohe Nutzungsflexibilität.
        Der Einsatz von Massivholzbau aus vorgefertigten Holzdübeldecken und tragenden Holzdübelwänden stellt einen innovativen und sehr positiven Beitrag dar, eine weitgehende Chemiefreiheit der konstruktiven Holzwerkstoffe durch die Reduktion der Verleimung zu erreichen. Der Einsatz von Zellulosedämmung und Lehmbauplatten sowie unbehandelte Holzoberflächen in unterschiedlichen Holzmaterialien runden diese innovative und ökologische Herangehensweise zusätzlich ab.
        Positiv ist der Einsatz einer tragenden Außenhülle in modularer Holzrahmenbauweise mit maximaler Vorfertigung der Holzfassaden und Fenstereinbau im Werk. Die Konstruktionsansätze, Balkone und Loggien in Massivholz auszubilden, runden die durchgängige Holzbaulösung ab. Das Energiekonzept mit Sole-/ Wasserwärmepumpen mit einer Heizung und Temperierung über den Fußboden ist positiv zu bewerten und stellt eine solide Energieversorgung dar. Die bilanzielle Abdeckung des Strombedarfs für Wärmepumpen und Allgemeinbereiche über eine PV-Anlage ist ebenso positiv zu bewerten.

        Soziale Nachhaltigkeit

        Das Projekt weist in der Sozialen Nachhaltigkeit alle Qualitäten (Gemeinschaftsflächen in den Innen- und Außenbereichen, Besiedlungsbegleitung usw.) auf, die mittlerweile in diesem Bereich als Standard zu betrachten sind. Für den Garçonnierenverbund des FSW sind die benötigten Räumlichkeiten vorgesehen. Die Besiedlungsbegleitung zielt auf die Etablierung von Strukturen zum Wiederverwenden, Reparieren und Tauschen. Die Gemeinschaftsräume sollen mit gebrauchten Möbeln gestaltet werden. Auch mit einem Materialdepot für die Bewohnerinnen im Werkhof soll dem Gedanken der Kreislaufwirtschaft Rechnung getragen werden. Eine wichtige Zielsetzung ist, Bewohnerinnen zu finden, die Themenverantwortlichkeiten übernehmen.